Geschichte

Woher wir kommen

1994: Das Team von Südwind bei der Arbeit

Am Anfang war die Idee: Zivilgesellschaftliches Engagement für mehr wirtschaftliche Gerechtigkeit

Die Zeit der Entstehung von SÜDWIND war geprägt von großen gesellschaftlichen Umbrüchen. Es herrschte Aufbruchsstimmung: Einerseits gewannen Bewegungen wie die ökumenische, die Frauen- und Friedensbewegung an Dynamik – andererseits waren der Kalte Krieg und die Aufrüstung atomarer Waffen immer noch allgegenwärtig. Es war „Wendezeit“ und zugleich wurde die neoliberale Politik gefestigt. Das Zeitalter der Globalisierung hatte begonnen.

SÜDWIND wurde von ChristInnen der ökumenischen Basisbewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gegründet und hat zugleich gewerkschaftliche und humanistische Wurzeln. Die kritischen Fragen aus den weltwirtschaftlich benachteiligten Ländern des Globalen Südens gaben den Impuls hierzulande, das zivilgesellschaftliche Engagement für mehr wirtschaftliche Gerechtigkeit zu verstärken. Der letzte Gründungsimpuls für SÜDWIND ging von der Ökumenischen Weltversammlung in Seoul (1990) aus. Dort formulierte der amerikanische Aktivist und Theologe Jim Wallis die Kraft der kritischen Bewegung in visionären Worten: „Today it is an east wind of freedom and democracy that is blowing out the old. Tomorrow it will be a south wind of justice and liberation to set free the oppressed.”

Damals wurde deutlich: Wenn eine solche Bewegung Erfolg haben soll, braucht sie eine eigene wissenschaftsanalytische Forschung, die von der Alltagserfahrung der Benachteiligten ausgeht, Verantwortlichkeiten aufdeckt  und fundierte Handlungsmöglichkeiten zur Veränderung aufzeigt. Die SÜDWIND-Gründungsväter haben in dieser Zeit enorm viel gelernt: „Alphabetisierung in Wirtschaftsfragen“ war keine theoretische Angelegenheit. Eine Einsicht wurde den ökumenisch Engagierten immer klarer: Wir dürfen das Wirtschaften um des Glaubens willen nicht denjenigen überlassen, die sich professionell damit befassen, davon profitieren und uns häufig erklärten, wir sollten uns auf Glaubensfragen beschränken.

Erste Schritte: Gründung von Institut und Verein, Aufnahme der Arbeit

Erste Bürounterkunft: eine alte Chemiefabrik in Siegburg

So wurde das unabhängige „Institut für Ökonomie und Ökumene“ gegründet, getragen von einem gemeinnützigen Verein SÜDWIND e.V. Die ersten positiven Beschlüsse zur Mitgliedschaft und/oder Mitfinanzierung kamen von den Kreissynoden der Evangelischen Kirchenkreise Köln-Mitte, -Rechtsrheinisch und –Nord, dem Stadtkirchenverband Köln, dem Kirchenkreis An Sieg und Rhein und einigen Kirchengemeinden (St. Augustin-Niederpleis, Hennef, Niederkassel und Pulheim). Nach 7 Monaten hatte der Trägerverein bereits 88 Mitglieder – darunter 20 juristische – und 19 Fördermitglieder. Dieser Start-Erfolg wäre nicht möglich gewesen ohne die längere Vor-Geschichte. Mittlerweile, 25 Jahre später, hat SÜDWIND fast 600 Mitglieder, viele davon begleiten SÜDWIND schon mehr als eine Dekade.

Das Institut begann seine Arbeit mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin und einer halben Sekretariatsstelle. Als Arbeitsort wurden schnell Räume beim sozialdiakonischen FABRIK e.V. in einer alten Chemie-Fabrik in Siegburg, wo das Institut bis September 2014 beheimatet war, gefunden. Im Herbst 2014 fand der Umzug in die Bundesstadt Bonn statt, inzwischen mit 7 wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und 4 administrativen Kräften (Geschäftsführung, Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising).

Dem praktischen Ansatz von SÜDWIND folgend zielt die Forschung seit Beginn nicht nur darauf, Informationen bereitzustellen, sondern jeweils auch Instrumente und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die entweder von VerbraucherInnen oder von entwicklungspolitischen Organisationen, Kampagnen, Kirchen, Gewerkschaften, Politik und Unternehmen eingesetzt werden können.

SÜDWIND hat sich dabei von Anfang an als Teil eines Netzwerkes verstanden und mit vielen gleichgesinnten Akteuren zusammengewirkt. Anders wäre der Erfolg nicht möglich gewesen. Viele Aktionsformen und Handlungsinstrumente, die von SÜDWIND entscheidend mitgeprägt, beraten und entwickelt wurden, sind auch über den Kreis der unmittelbaren Akteure in der Öffentlichkeit gut wahrgenommen worden, wenn auch nicht immer unter dem Label „SÜDWIND“.

Vielfältig und relevant: Die Themen der letzten 25 Jahre

"People before Profit" als Motto unserer Arbeit

Viele Themen wurden im Laufe der Jahre aufgearbeitet. So wurde die öffentliche Debatte zu Altkleiderexporten durch SÜDWIND-Studien angeregt. Oder so war SÜDWIND maßgeblich an der Kampagne „erlassjahr 2000 – Entwicklung braucht Entschuldung“ beteiligt, durch Studien und die Rechtsträgerschaft der Kampagne. Sie war Teil einer internationalen Entschuldungskampagne, die Druck auf die Politik ausgeübt hat und mit dafür gesorgt hat, dass 1999 auf dem G8-Gipfel in Köln ein Schuldenerlass für arme Länder beschlossen wurde. Bis heute arbeitet SÜDWIND im Bündnis erlassjahr.de mit und unterstützt die Forderung nach einem internationalen Insolvenzverfahren.

Auch haben die SÜDWIND-Studien zu den Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in China, Indonesien und anderen Ländern dazu beigetragen, das Thema menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Sozialstandards und die soziale Rechenschaftspflicht von Unternehmen auf die Tagesordnung der Politik und der Unternehmen zu setzen.

Unter Finanzreferenten von Kirchen und Vertreterinnen und Vertretern von kirchlichen Banken finden Themen wie sozialverträgliche Geldanlagen und nachhaltige Finanzmärkte immer mehr Beachtung. In den neunziger Jahren wenig Beachtung schenkten, so haben viele Landeskirchen, Kirchenkreise und Kirchen- u. Ordensbanken, sowie Alternativbanken inzwischen, zum mit Teil fachlicher Beratung von SÜDWIND, Ethikfilter für ihre Geldanlagen entwickelt und der erste Nachhaltigkeitsfonds mit umfangreichen entwicklungspolitischen Kriterien ist ebenfalls mit fachlicher Beratung durch SÜDWIND entwickelt worden.

Viele Themen sind im Laufe der Jahre hinzugekommen und so beschäftigen uns heute Fragen der Entwicklungszusammenarbeit und Armutsbekämpfung. Das Thema Frauen und Weltwirtschaft steht nach wie vor ganz oben auf der Tagesordnung. Der Zusammenhang von Klimawandel und Armutsbekämpfung und die Frage der Klimagerechtigkeit haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, ebenso wie die Auseinandersetzung mit der Regulierung von Finanzmärkten. Der Abbau und der Export und Handel von Rohstoffen und die Frage nach Sozialstandards im Welthandel sind wichtige Themen der Arbeit von SÜDWIND.

Eine zentrale Herausforderung ist die Frage nach Alternativen zum gängigen Wirtschaftsmodell, das allein auf wirtschaftliches Wachstum, orientiert an der Steigerung des Bruttoinlandsproduktes, setzt. Die Entwicklung eines Wirtschaftsmodells, das Umwelt und Entwicklung miteinander verbindet, das geprägt ist von wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Gerechtigkeit, ist die Herausforderung für das Überleben unserer und zukünftiger Generationen.
SÜDWIND beteiligt sich deshalb an Strategien und an der Entwicklung von Handlungsoptionen, die zur Transformation des herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells beitragen, damit sich unser Wirtschaften nicht mehr länger nur am Profit Einzelner orientiert.

Resümee 25 Jahre SÜDWIND

2016: Das Büroteam beim 25. Jubiläum

Wenn wir uns fragen, was SÜDWIND in den vergangenen 25 Jahren bewirken konnte, stellen wir fest: Wie in der Entstehungszeit prägten die weltweiten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des letzten Vierteljahrhunderts unsere Arbeit. Wir sind heute weit entfernt von der gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung der 90er Jahre. Die Strukturen, die heute die Lebensbedingungen für die Menschen, vor allem für die Armen, prägen, haben sich noch verschlechtert. Ernüchtert müssen wir feststellen, dass die negativen Wirkungen der durch das neoliberale Wirtschaftsmodell und den Finanzkapitalismus geprägten Globalisierung zugenommen haben. Die Machtverhältnisse haben sich verschoben, der Staat hat dem freien Markt viel Raum gegeben. Die sozialen Spaltungen haben sich enorm verschärft und die Welt hat so viele Krisen wie noch nie zu bewältigen. Gleichzeitig hat weltweit das Wissen über Ungerechtigkeit und die komplexen Ursachen von Armut zugenommen und trotzdem könnte man meinen, SÜDWIND kämpfte gegen Windmühlen.

Mit dem erforderlichen Realismus findet SÜDWIND seine Themen, indem es Beispiele für dieses nicht funktionierende Wirtschaftssystem aufgreift. Dabei geht es darum, die Situation der jeweils Betroffenen zu verbessern, aber auch darum, die Machtverhältnisse, Verantwortlichkeiten und das System zu benennen, die für die Missstände verantwortlich sind.

Hinweis: Große Teile dieser Beschreibung unserer Geschichte sind der Chronik von SÜDWIND-Gründungsmitglied Jörg Baumgarten entnommen. Hier können Sie die Chronik nachlesen.

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